
Nukleare Abschreckung: Braucht Europa eine eigene Atombombe?
2025-03-24
Autor: Leonardo
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Fokus auf nukleare Abrüstung gelegt. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob die in mehreren europäischen Ländern, wie Deutschland und Italien, stationierten taktischen Nuklearwaffen weiterhin notwendig sind. Diese Waffen sollen Russland davon abhalten, europäische NATO-Länder anzugreifen.
Frank-Walter Steinmeier, bis 2017 deutscher Außenminister, äußerte sich dazu: "Was die Lagerung amerikanischer Atomwaffen auf deutschem Boden angeht – darüber werden wir mit den Amerikanern sprechen."
Der französische Präsident Emmanuel Macron sorgte für Aufsehen, als er anbot, mit seiner nuklearen "Force de Frappe" die europäischen Alliierten zu schützen. Diese Äußerung stieß sowohl auf unerwartete Zustimmung als auch auf Widerstand.
Nukleare Abschreckung in Europa: Ein heiß diskutiertes Thema
Inzwischen hat sich die politische Lage in Europa gewandelt. Polens Regierungschef Donald Tusk möchte die Debatte über Atomwaffen umgehend mit den Franzosen aufgreifen und erwägt sogar, eigene polnische Atomwaffen zu entwickeln. Auch Litauens Präsident Gitanas Nauseda spricht sich für einen gemeinsamen europäischen Atomschirm aus. Deutschlands nächster Bundeskanzler, Friedrich Merz, scheint offen für die Idee einer europäischen Nuklearoffensive zu sein.
Was vor kurzem noch als Tabu galt, wird nun ernsthaft in politischen Kreisen sowie in Denkfabriken erörtert. Laut aktuellen Umfragen befürworten in Ländern wie Frankreich und Polen 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung eine europäische nukleare Abschreckung.
Obwohl US-Präsident Donald Trump noch nicht angedeutet hat, die US-amerikanische Nuklearpolitik auf Europa auszurichten, äußerte sein Verteidigungsminister Pete Hegseth vor der NATO, dass die Europäer sich konventionell selbst verteidigen müssten. Dies lässt jedoch offen, inwiefern die USA weiterhin ihre Verantwortung für die nukleare Abschreckung in Europa wahrnehmen wollen.
Reaktionen aus den USA
In den USA wird mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, wie lebhaft die Europäer über Atomwaffen debattieren. Wie Heather Williams vom US-Strategieforschungszentrum CSIS feststellt, sind die Europäer fest überzeugt, dass Russland eine dauerhafte Bedrohung darstellt, im Gegensatz zu der Haltung vieler Trump-Anhänger.
Russland verfügt über ein arsenales atomarer Gefechtsköpfe, das mit 5500 Einheiten zehnmal so groß ist wie die Bestände von Frankreich und Großbritannien zusammen. Zudem sind die britischen, U-Boot-gestützten Atomwaffen eng mit dem US-Programm verknüpft, weshalb sie nur eingeschränkt unabhängig eingesetzt werden können. Im Gegensatz dazu entwickelt Frankreichs "Force de Frappe" ihre nukleare Strategie unabhängig von den USA und verfügt über atomar bestückbare Kampfflugzeuge und U-Boote.
Nicht nur in Europa ist die Thematik der nuklearen Abschreckung wieder von Bedeutung. Die Unsicherheit über die militärische Unterstützung durch die USA sorgt in Ländern wie Japan, Südkorea, Taiwan, Saudi-Arabien und der Türkei für ähnliche Diskussionen.
Die disruptive Politik unter Trump könnte den traditionellen Konsens der Atommächte aufbrechen, bei dem man möglichst keine weiteren Staaten mit Atomwaffen duldet. Dies könnte dazu führen, dass bald weitere Länder eigene atomare Waffen entwickeln. Während sich diese Staaten so sicherer fühlen könnten, wird die Welt insgesamt gefährlicher.